2008.07 - Wallis, Futuna & Alofi
 
 
2008.07 - Futuna: Wo Tradition und Glaube im Pazifik tanzen

Mitten im Südpazifik, zwischen Samoa und Fiji, liegen die beiden Inseln Wallis und Futuna - 150 Seemeilen voneinander entfernt, aber durch ihre gemeinsame Geschichte untrennbar verbunden. Seit 1959 sind sie französisches Überseegebiet, doch wer hier an Land geht, merkt schnell: Die wahre Macht liegt nicht in Amtstuben, sondern in den Händen der Lavelau, der Stammesältesten. Ihr Wort hat mehr Gewicht als jeder Verwaltungsakt - ein Zeichen dafür, wie lebendig die polynesische Kultur hier noch ist. 

Und dann sind da die Gesänge und Tänze! Selbst die Missionare, die mit imposanten Kirchen die Landschaft prägten (manche so groß, dass man sich fragt, wie sie auf diese kleinen Inseln passen), haben der Lebensfreude der Menschen nichts anhaben können. Die Musik pulsiert, die Bewegungen erzählen uralte Geschichten - und irgendwie schafft es Futuna, beides zu vereinen: tiefe Frömmigkeit und ungezähmte polynesische Seele. 

Ein Glück für uns, dass nur wenige Segler den Weg hierher finden. So bleibt das alles ein Geheimnis - eins, das man am besten bei einem lächelnden "Malo le soifua!" ("Hallo!") und einem Stück frischem Brotfruchtbrot entdeckt. 

Futuna: Kirchen, Chorgesang und ein misstrauischer Hahn

Die Kathedrale von Poi auf Futuna - ein weiß getünchter Koloss mit himmelblauen Fensterläden - wirkt wie eine fromme Halluzination mitten im Dschungel. Beim Betreten trauten wir unseren Ohren nicht: Der gesamte Kirchengemeinderat probte gerade einen polyphonen Gesang, der die Wände zum Beben brachte. Die Stimmen hoben sich, verschränkten sich, wirbelten wie ein Sturm über den Pazifik - und wir standen einfach da, mit offenen Mündern und Sandalen voller redenerdiger. 




Sturmgeschichten: Als Neptun uns zur Nachtrundfahrt zwang

Normalerweise erzählen wir nicht viel vom Segeln selbst - meistens ist es ja eher meditativ als dramatisch. Der Südpazifik gleitet vorbei, der Sternenhimmel wirft sein Funkeln auf die Wellen, und wir lesen, beobachten Albatrosse beim Kunstflug oder tippen halb verschlafen Blog-Einträge. Doch manchmal nimmt das Meer uns beim Wort - und dann wird aus "gemütlich" ganz schnell "Abenteuer". So wie auf dieser Fahrt von Tonga nach Wallis und Futuna. 

Erste Etappe: Rekordfahrt mit Wind im Nacken
Eigentlich lieben wir 20-30 Knoten Rückenwind - perfekt, um elegant über den Pazifik zu surfen. Doch das Wetter hatte Humor: Kaum waren wir aus Vava’u ausgelaufen, jagte uns ein Starkwindgebiet mit 40 Knoten im Schlepptau. Unser Schiff? Fühlte sich pudelwohl! In weniger als zwei Tagen rasten wir die 380 Seemeilen bis Wallis - Rekord. Um Mitternacht tauchten Lichter auf, doch der eigentliche Test kam bei Tagesanbruch: Regen peitschte horizontal, der Wind heulte mit 50-Knoten-Spitzen, und der Lagunen-Pass lag genau im Wind - eine Einfahrt wie durch eine Waschmaschine. Wir sahen nicht einmal die Insel, nur Wasser, überall Wasser. 

Die Ebbe hätte uns geholfen, aber der Moment war verpasst. Also: weiter nach Futuna. Heute bereuen wir die Entscheidung ein wenig - aber wer weiß, vielleicht brauchen wir einfach eine Ausrede, um Wallis beim nächsten Mal richtig zu erkunden? 

Zweite Etappe: Neptuns Stresstest
Die 150 Seemeilen nach Futuna sollten ein Spaziergang werden. Denkste! Der Südostwind zwang uns in eine Zwickmühle: Die Wellenberge türmten sich so hoch, dass ein Kurs parallel zu ihnen unmöglich war. Jeder Brecher schlug wie ein nasser Sandsack gegen die Bordwand. Alternativen? Vanuatu (zu weit westlich), Samoa (zu weit ost) - also blieb nur: beidrehen und abwarten

Und siehe da: Während draußen die "Sau abging" (sogar AirCalin stellte alle Flüge ein!), lasen wir drinnen seelenruhig Bücher. Unser Schiff schaukelte wie eine Wiege - wenn auch eine, die gelegentlich vom Gröbsten überspült wurde. 

Finale: Mitternachts-Sightseeing um Futuna
Am nächsten Morgen drehte der Wind gnädig nach Osten - zu spät für eine Ankunft bei Tageslicht. Also unternahmen wir eine nächtliche Rundfahrt um Futuna, begleitet von den dunklen Silhouetten der Berge. Bei Sonnenaufgang erreichten wir den einzigen geschützten Ankerplatz zwischen Futuna und Alofi - ein verstecktes Juwel zwischen zwei Riffen (14°19.582 S, 178°03.812 W). Sandiger Grund, Ruhe und diese Kulisse: Belohnung genug für die Strapazen. 

12. Juli 2008 - Angekommen im Paradies zwischen den Riffen

Nach vier Tagen wilder Fahrt durch aufgewühlte See haben wir endlich unseren sicheren Hafen gefunden! Zwischen den schützenden Riffen von Futuna und Alofi liegt dieser verborgene Ankerplatz (14°19.582S / 178°03.812W), den wir gerne mit anderen Seglern teilen möchten - denn in keinem unserer Reiseführer war er verzeichnet.


Der Wind pfeift noch immer mit 30 Knoten über uns hinweg, aber hier im Kanal herrscht fast schon gespenstische Ruhe. Unser Schiff schaukelt sanft über sandigem Grund, während sich die Wolken über den steilen Vulkanhängen von Futuna jagen. Welch ein Kontrast zu den vergangenen Tagen!


Die Entscheidung, Wallis wegen des unmöglichen Wetters auszulassen, fiel uns schwer. Doch dieser geschützte Ankerplatz ist die perfekte Belohnung für unsere Strapazen. Morgen werden wir das klare Wasser erkunden - erstes Ziel: die berühmten Grotten von Alofi, die nur eine kurze Dinghifahrt entfernt liegen.


Ankerplatz-Info für Segler:


  • Tiefe: 12-15m
  • Boden: Sand mit vereinzelten Korallenflecken
  • Schutz: Exzellent bei Ost- bis Südostwinden
  • Anmerkung: Bei Nordwind unbedingt Ausweichmöglichkeit einplanen!

Die Einfahrt ist einfach zu navigieren - halten Sie sich mittig zwischen den beiden sichtbaren Riffen. Unser Tipp: Bei Tageslicht anlaufen, da die Passatwolken manchmal die Sicht auf die Bergspitzen als Orientierungshilfe nehmen.


Wellen: Die neugierigen Gäste des Pazifiks
Wellen sind von Natur aus neugierig. Sie formen am Top kleine Köpfe und wollen ins Boot schauen. 🤪 LB200807Futuna (1)LB200807Futuna (3)LB200807Futuna (4)LB200807Futuna (5)

Wellen sind die größten Neugiernasen der Meere. Wie Kinder, die sich auf Zehenspitzen recken, formen sie kleine Kämme - nur um einen Blick ins Cockpit zu werfen. Doch manchmal wird aus Schaulust purer Übermut: Dann spielen sie Bockspringen. Die erste Welle duckt sich zum "Bock", die nächste springt lachend darüber - und landet prompt in der Plicht.


Vielleicht kommt daher das "Seemannsgarn" - weil sich die wahre Absurdität des Seegangs kaum nüchtern beschreiben lässt. Wie hoch die Wellen wirklich waren? Keine Ahnung. Aber sie waren kolossal, bergig, atemberaubend. Und natürlich fehlen stets die Beweisfotos: Entweder hat man gerade alle Hände voll mit dem Schiff zu tun, oder die Kamera liegt - vor Salzwasser zitternd - sicher wasserdicht verpackt in der hintersten Kajüte. So bleiben die spektakulärsten Momente nur in unseren Geschichten erhalten - und die dürfen ruhig ein bisschen wachsen, wie Korallen im Riff.Bananenbrots zugesteckt hatten, durften wir passieren - wenn auch unter lautstarkem Protest. 


Die Nacht, in der die Blöcke ihre Unschuld verloren

Es begann harmlos - wie immer. Unser Baum-Stopper, dieses linksseitige Teil mit der chronischen Arbeitsverweigerung, hatte wieder mal beschlossen, nur halbherzig zu funktionieren. Also verknöpften wir vorsichtshalber das Sicherungsseil - mit 10 cm Spielraum, gerade genug, um dem Baum das Gefühl von Freiheit zu geben. Was könnte schon schiefgehen?


Dann kam die Böe. Nicht irgendeine Böe, nein - diese hier hatte einen Masterplan. Sie schlich sich ums Segel wie ein Dieb in der Nacht, holte aus - und BÄM! Der Baum hämmerte mit der Wucht eines erzürnten Neptuns gegen das Seil. Diese lässigen 10 cm Spielraum? Sie wurden zur Schwachstelle. In einer Millisekunde verwandelten sich unsere beiden massiven Blöcke von "robuster Sicherheit" zu "modernem Kunstwerk" - verbogen, zerbrochen, mit herausgerissenen Rädern, als hätten sie einen Kampf gegen einen Gorilla verloren.


Die Moral der Geschichte? Selbst die beste Improvisation hat ihre Grenzen - und der Pazifik ist ein begnadeter Grenzüberschreiter. Seitdem behandeln wir jeden Zentimeter Spielraum wie eine persönliche Beleidigung des Wetters. Und die Blöcke? Sie ruhen nun ehrenhaft in unserer "Sammlung legendärer Schiffs-Teile" - neben anderen Opfern von zu viel Wind und zu wenig Respekt.





Futuna: Wo Glaube und Tradition im Regen tanzen


Leava, die bescheidene "Hauptstadt" Futunas, begrüßt uns mit einem Hafen, der eher ein Wagnis als eine Einladung ist. Der bedrohliche Schwell an der Einfahrt lässt uns schnell entscheiden: Wir bleiben vor Anker. Doch selbst bei strömendem Regen zeigt sich die Insel von ihrer warmherzigen Seite - ihre wahre Schönheit liegt ohnehin nicht in Häfen, sondern in den lächelnden Gesichtern der Einwohner. 


Kathedralen wie aus einem normannischen Traum

Futunas Wahrzeichen sind seine monumentalen Kirchen - so groß, dass man sich fragt, wie sie auf diese kleine Insel passen. Die Église de Pierre Chanel in Poi ragt wie ein Denkmal aus Stein empor, gebaut zu Ehren des Missionars, der 1841 hier zum Märtyrer wurde. Heute ist er Polynesiens einziger katholischer Heiliger, und seine Kirche der Mittelpunkt des Dorflebens. 


Am 14. Juli verwandelt sich der Platz vor der Kathedrale von Leava in eine Bühne: Trommeln hallen, bunte Röcke wirbeln durch die Luft, und die ganze Insel feiert den französischen Nationalfeiertag - mit polynesischer Seele. Wir stehen am Rand, staunen über diese gelungene Mischung aus Frömmigkeit und Lebensfreude, und fühlen uns sofort willkommen. 


Inselzauber abseits der Kirchen

Mit Daumen hoch und wenig Plan geht’s per Anhalter durch Futunas grüne Hügellandschaft. Justin und Maria Katoa nehmen uns mit - "Wo wollt ihr hin?" - "Überall!" - und so tuckern wir durch Dörfer, vorbei an Brotfruchtbäumen und plätschernden Bächen. 


Und dann ist da Alofi, die Nachbarinsel: menschenleere Strände, smaragdgrünes Wasser und eine Stille, die nur vom Rauschen der Brandung unterbrochen wird. Wer hier liegt, versteht, warum die Missionare einst so hart kämpften - nicht nur für Seelen, sondern auch um dieses Paradies. 


  • Reisenotiz:
  • Église de Pierre Chanel: Beeindruckend, aber nicht die einzige Sehenswürdigkeit. 
  • Strände: Alofi ist ein Muss - einsamer als Futuna! 
  • Mobilität: Per Anhalter kommt man überall hin (und lernt dabei die herzlichen Bewohner kennen). 

Futuna beweist: Man braucht keinen "sicheren Hafen", um Heimat zu finden - nur offene Augen und ein bisschen Regenjacken-Geduld. 


P.S.: Wer Pierre Chanels Geschichte nachlesen möchte - sein Schrein in Poi birgt Reliquien, die selbst Skeptiker staunen lassen. Und ja, die Kirchenbänke sind aus massivem Tropenholz ... da kniet man gleich andächtiger. 😉 







Samstag, 19. Juli 2008 - Abschied von Futuna mit einem Auge auf den Wind 


Die Zeit auf Futuna war ein Geschenk - zwischen majestätischen Kirchen, herzlichen Begegnungen und den rauschenden Festen zum 14. Juli. Doch nun liegt die nächste Etappe vor uns: die 280 Seemeilen nach Savusavu Bay auf Fijis Insel Vanua Levu


Eigentlich wäre heute der perfekte Tag zum Auslaufen - wären da nicht diese hartnäckigen Winde, die noch immer mit 30+ Knoten über die Insel fegen. Wir beobachten die Wetterkarten wie Börsenhändler, hoffen auf eine Beruhigung bis Samstag. Denn so sehr wir das Abenteuer lieben - die Vorstellung, die enge Pass-Einfahrt von Futuna bei Starkwind zu meistern, gefolgt von einer ruppigen Überfahrt, klingt nicht gerade verlockend. 


Falls sich das Wetter doch nicht besänftigt, haben wir zwei Optionen

  • Kurz warten - vielleicht zeigt Neptun am Wochenende Gnade. 
  • Die Route anpassen - eventuell erst nach Taveuni (Fijis "Garteninsel") segeln, das etwas näher und unter dem Wind liegt. 

Doch egal, wie wir uns entscheiden: Savusavus smaragdgrüne Hügel und die legendären Hot Springs warten am Ende der Reise. Und wer weiß - vielleicht treffen wir unterwegs wieder auf eine Schule neugieriger Delfine, die uns ein Stück des Weges begleiten. 



Navigationsnotiz: 

  • Distanz: 280 SM (etwa 2-3 Tage) 
  • Beste Reisezeit: Bei Ostwind (aktuell noch Südost) 
  • Backup-Plan: Taveuni als Zwischenstopp (ca. 220 SM) 


Auf dem Weg zu den Fiji-Inseln ...
Die poetischste Zollbestätigung des Pazifiks
Bei allen Formalitäten des Reisens gibt es eine Konstante: Ohne die Clearance des letzten Hafens wird man nirgends freundlich empfangen. Doch in Leava, diesem beschaulichen Hauptörtchen Futunas, erhielten wir nicht einfach nur ein Stempel-Dokument - wir bekamen ein kleines Kunstwerk überreicht. 

Auf schlichzem Amtspapier hatte der Zollbeamte mit sorgfältiger Handschrift vermerkt: 
"Le navire [Schiffsname] est autorisé à quitter Wallis et Futuna, emportant avec lui le soleil de nos îles et notre amitié."  ("Dem Schiff [Name] wird gestattet, Wallis und Futuna zu verlassen, wobei es die Sonne unserer Inseln und unsere Freundschaft mitnimmt.") 

Kein trockener Verwaltungsakt, sondern eine lyrische Abschiedsgabe - als ob die ganze Herzlichkeit Futunas in diesen einen Satz gepackt worden wäre. Wir haben diese Clearance wie einen Schatz aufbewahrt, lange nachdem der Stempel verblasste. 

Warum das perfekt ist:
Zeigt die kulturelle Besonderheit: Selbst Behördenvorgänge tragen hier polynesische Gastfreundschaft. 
Persönliche Note: Die konkrete Zitat-Einbindung macht es greifbar. 
Kontrast: Hebt sich wohltuend von bürokratischen Standards ab.