2007.05 - Penrhyn
 
 

2007 - Mai, Penrhyn, Cook-Islands

Kurs auf das Unmögliche

Eigentlich ist die Entscheidung ganz einfach: Wir genossen Französisch-Polynesien so sehr, dass wir unbedingt eine weitere Saison in diesem Paradies verbringen wollen. Doch wie das im Seglerleben so ist, redet die Bürokratie ein Wörtchen mit. Um der Importsteuer für unsere treue NatHape zu entgehen, müssen wir nach einem Jahr kurzzeitig „auschecken“ und einen Hafen außerhalb der hiesigen Gewässer anlaufen. Klingt simpel, ist im Pazifik aber eine navigatorische Knacknuss. Das Gebiet ist so weitläufig wie Europa und der verlässliche Ostpassat sorgt dafür, dass man zwar wunderbar nach Westen gleiten kann, der Rückweg gegen Wind und Welle aber schnell zur Geduldsprobe wird. Nach einigem Grübeln fiel unsere Wahl auf Penrhyn. Als nordöstlicher Außenposten der Cookinseln bietet uns dieses Atoll die charmante Chance, bei einem Dreh des Windes auf Nordost elegant wieder nach Raiatea zurückzukehren. Ein Plan wie aus dem Lehrbuch, jetzt musste nur noch der Pazifik mitspielen.


🌅 Leinen los in Bora Bora

Der Abschied hätte malerischer nicht sein können, als wir pünktlich zum Sonnenaufgang in Bora Bora den Anker lichteten und die NatHape in die Morgensonne steuerten. Wir waren nicht allein auf dieser Mission: Die „Chiquita“ mit Ding und James sowie die „Baloo“ mit Elisabeth und Gerhard begleiteten uns, was das Gefühl von Sicherheit und Kameradschaft auf dem offenen Meer deutlich stärkte. Die ersten Tage präsentierte sich das Wetter allerdings eher von seiner launischen Seite. Statt einer stetigen Brise servierte uns der Himmel ein sehr unstetes Programm, das uns und unsere Segelkünste auf dem Weg nach Penrhyn ordentlich auf Trab hielt.


🌈 Petri Heil und neue Wege

Nach ein paar Tagen meinte es der Windgott endlich gut mit uns, und kaum nahm die Fahrt zu, gab es auch schon Aufregung an der Angel der „Chiquita“. James hatte tatsächlich einen Blue Marlin am Haken! Doch beim Anblick der beeindruckenden Größe dieses Meeresbewohners siegte der Respekt vor der Natur über den Appetit, und er schenkte dem prächtigen Fisch die Freiheit zurück. Kurz darauf zeichnete ein wunderschöner Regenbogen den Weg zum Atoll vor, das nun noch etwa 50 Seemeilen entfernt lag. Während wir die Distanz zügig verringerten, zogen wir an der „Baloo“ vorbei. Angesichts der kräftigen Winde entschieden sich Gerhard und Elisabeth für eine Kursänderung: Sie ließen Penrhyn links liegen und steuerten stattdessen das traumhafte Suwarrow an. Für uns hieß es jedoch weiterhin: Kurs Nordwest, das Ziel fest im Blick.



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Insel-Bürokratie auf Polynesisch

Am 21. Mai 2007 erreichten wir schließlich Omoka auf Penrhyn, das sich als wunderbar abgelegenes Juwel am nordöstlichen Rand der Cook-Inseln präsentiert. Kaum lag der Anker fest im Grund, bekamen wir auch schon den ersten „offiziellen“ Besuch: Die Ministerien für Gesundheit und Landwirtschaft gaben sich die Ehre und kamen direkt bei uns an Bord. Am nächsten Morgen folgte dann die Abteilung für Zoll und Immigration. Eines lernten wir dabei sofort: Hektik ist hier ein Fremdwort. Die Beamten waren ausgesprochen freundlich und brachten vor allem eines mit – jede Menge Zeit.

Die Formalitäten des Einklarierens zogen sich über Stunden hin, was wir nutzten, um uns in entspannter Atmosphäre kennenzulernen. Dabei wurde charmant nach der Bordvorrat-Lage in Sachen Bier gefragt und uns ganz nebenbei eine kleine Wunschliste an Präsenten präsentiert, die das Leben auf der Insel verschönern könnten. Besonders wichtig war unseren Besuchern aber die Einweisung in die lokale Sonntagsordnung: Dieser Tag gehört auf Penrhyn ganz der Kirche. Arbeit ist streng untersagt, die Herren präsentieren sich in langen Hosen und für die Damen ist ein Hut als Kopfbedeckung obligatorisch. Es ist eben genau das, was das Reisen so spannend macht: andere Länder, andere Sitten – und wir freuen uns darauf, ein Teil davon zu sein.

🦈 Die Göttin auf dem Meeresrücken

Wer auf den Cook-Inseln mit der Landeswährung bezahlt, hält oft ein kleines Kunstwerk in den Händen: Die 20-Dollar-Note zeigt eine Frau, die gelassen auf einem Hai durch die Wellen reitet. Es ist die Göttin Ina, eine der schillerndsten Figuren der Südsee-Mythologie. Die Legende besagt, dass sie sich auf den weiten Weg zu ihrem Liebsten Tinirau machte, der auf einer fernen, im Ozean treibenden Insel lebte. Da die Strecke für eine Schwimmerin zu weit war, boten ihr die Fische und Haie ihren Rücken als Mitfahrgelegenheit an.

Damit Ina auf der langen Reise nicht verhungerte, nahm sie Kokosnüsse als Reiseproviant mit. Diese schlug sie geschickt an der Rückenflosse des Haies auf, um an das erfrischende Wasser und das nahrhafte Fleisch zu gelangen. Doch als sie eines Tages versuchte, eine Nuss direkt auf dem Kopf des Haies zu knacken, verlor das Tier die Geduld. Er schüttelte sie unsanft ab, doch Ina hatte Glück im Unglück: Der König der Haie eilte herbei und brachte sie sicher zu ihrem Ziel. Diese mythologische Kopfnuss hat bis heute Spuren hinterlassen, denn sie dient als charmante Erklärung dafür, warum Haie eine flache Stelle oder Beule auf ihrer Nase tragen. In anderen Erzählungen wird so sogar die außergewöhnliche Form des Hammerhais begründet – eine Geschichte, die man sich beim Anblick der Geldscheine immer wieder gerne ins Gedächtnis ruft.


🌋 Der einsame Gigant aus der Tiefe

Betrachtet man dieses dreidimensionale Bild des Meeresbodens, wird einem erst richtig bewusst, über welch gewaltigem Abgrund unsere NatHape dort eigentlich schwebte. Der winzige Punkt ganz oben auf dem höchsten Kegel – das sind wir. Unter uns erstreckt sich eine Szenerie, die man vom Deck aus kaum erahnen kann: Wie ein einsamer, majestätischer Turm ragt das Atoll von Penrhyn über 5.000 Meter aus der dunkelblauen Tiefe des Pazifiks empor.

Es ist ein architektonisches Wunder der Natur. Während ringsherum andere „Türme“ beim Versuch, die Wasseroberfläche zu durchbrechen, gescheitert sind und als versunkene Berge in der Dunkelheit verharren, hat Penrhyn den Sprung ans Licht geschafft. Doch es war ein Sieg der Millimeter: Die höchste Erhebung des Atolls ragt kaum einen Meter über den Meeresspiegel hinaus.

Dieses Bild führt uns vor Augen, wie zerbrechlich und zugleich kraftvoll dieses Paradies ist. Wir ankerten buchstäblich auf der Spitze eines riesigen Unterwasser-Hochhauses, dessen Fundament fünf Kilometer tief im ewigen Blau des Meeresgrundes verwurzelt ist. Ein wahrhaft schwindelerregender Gedanke, der uns noch ehrfürchtiger auf dieses kleine Fleckchen Erde blicken lässt.


🦈 Die Kinderstube im Korallengarten

Wenn man den Blick über das kristallklare Wasser des Atolls schweifen lässt, bemerkt man schnell, warum Penrhyn oft ehrfürchtig als die „Gebärmutter der Haie“ bezeichnet wird. Die Vielfalt und Anzahl dieser eleganten Jäger ist schlichtweg atemberaubend. Hier gehören Haie so selbstverständlich zum Stadtbild wie andernorts die Tauben auf dem Marktplatz – sie patrouillieren sogar im knöcheltiefen Wasser direkt am Ufer entlang.

Natürlich stellt man sich als Segler da unweigerlich die Frage nach der Sicherheit. Die Einheimischen begegnen dieser Sorge mit einer entwaffnenden, tief im Glauben verwurzelten Gelassenheit. Da die Insel fest in der Hand der Siebenten-Tags-Adventisten ist, hat man hier eine ganz eigene, moralische Erklärung parat: Ein Hai, so versichert man uns lächelnd, beißt niemals ohne Grund. Sollte doch einmal etwas passieren, wird das kurzerhand als göttliche Quittung für eine begangene Untat interpretiert. Ein praktisches Weltbild, das den Hai quasi zum schwimmenden Hilfssheriff des Himmels macht!

Trotz dieser beruhigenden Theorie und der unbestreitbaren ästhetischen Eleganz dieser Tiere haben wir uns entschieden, den religiösen Test lieber nicht aufs Spiel zu setzen. Wir bewundern die majestätischen Bewohner der Lagune also weiterhin mit größtem Respekt von der Reling der NatHape aus – sicher ist sicher, und wer weiß schon so genau, ob man nicht doch mal ein winziges „Gebot“ vergessen hat?
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Inselidylle zwischen zwei Welten

Das Leben auf Penrhyn verteilt sich auf zwei charmante Dörfer, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Omoka, das geschäftige Zentrum, und das beschauliche Tautua. Während wir in Omoka die ersten bürokratischen Hürden meisterten und das bunte Treiben am Steg beobachteten, zog es uns bald weiter über die weite Lagune. Wir besuchten beide Orte, doch Tautua eroberte unsere Seglerherzen im Sturm – oder besser gesagt, bei absoluter Windstille.

Für uns als Crew der NatHape offenbarte sich dort ein Ankerplatz, der fast zu schön ist, um wahr zu sein. Gut geschützt vor den stetig wehenden Ostwinden, liegt man dort so ruhig und sicher, dass man nachts fast vergisst, auf einem Boot zu schlafen. Es ist einer dieser Orte, an denen man den Anker fallen lässt und sofort spürt, wie der Puls der Zeit merklich langsamer schlägt.

Obwohl beide Ortschaften ihren ganz eigenen Reiz versprühen, hat uns das kleine Tautua besonders verzaubert. Es wirkt noch ein Stück ursprünglicher, fast so, als wäre die Zeit dort stehen geblieben. Die Gastfreundschaft der wenigen Bewohner ist von einer rührenden Herzlichkeit, und die Ruhe wird höchstens vom Rascheln der Palmenwedel oder dem sanften Plätschern an der Bordwand unterbrochen. Hier fanden wir genau das Südsee-Gefühl, das man auf den Seekarten sucht und nur selten so rein und unverfälscht findet.
🌴 Ankunft und Spaziergang durch Omoka

Willkommen in Omoka, dem „pulsierenden“ Zentrum von Penrhyn! Wer hier an Land geht, betritt eine Welt, in der die Uhren nicht nur langsamer gehen, sondern manchmal ganz friedlich stillzustehen scheinen. Unsere Bildergalerie nimmt euch mit auf einen Streifzug durch einen Ort, der so abgelegen ist, dass jeder Besucher wie ein alter Freund empfangen wird.
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🌸 Tautua: Wo die Welt am friedlichsten ist

Während Omoka das Tor zu Penrhyn darstellt, ist Tautua dessen sanfte Seele. Wer diesen Teil des Atolls besucht, merkt sofort, dass hier alles noch eine Spur beschaulicher und verträumter zugeht. Unsere Fotogalerie aus Tautua ist eine Hommage an die Einfachheit und die pure Idylle, die wir hier erleben durften.

In Tautua scheint der Pazifik noch ein bisschen blauer und die Palmen ein wenig grüner zu leuchten. Die Bilder zeigen ein Dorf, das sich wie ein gut gehütetes Geheimnis an die Lagune schmiegt. Es ist dieser Ort, an dem wir die NatHape in so sicherem Schutz vor den Winden wussten, dass wir uns ganz auf das Dorfleben einlassen konnten. Man sieht in den Gesichtern der Menschen eine tiefe Zufriedenheit, die ansteckend wirkt – hier gibt es keinen Stress, keine Eile, nur das ewige Spiel der Gezeiten.
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🌅 Zwischen Gottes Segen und Segler-Geduld

Am Montag, dem 4. Juni 2007, hieß es für die NatHape schließlich Abschied nehmen. Wir sind mittlerweile wieder wohlbehalten in Bora Bora eingetroffen, blicken aber auf einen Abschied zurück, der uns noch ein wenig in den Knochen – und im Gedächtnis – steckt. Ursprünglich hatten wir geplant, Penrhyn bereits am Sonntag zu verlassen. Das Wetterfenster für die ohnehin anspruchsvolle Passage zurück nach Französisch-Polynesien war perfekt, die Papiere ordnungsgemäß gestempelt und die Vorfreude groß. Doch wir hatten die Rechnung ohne den lokalen „Gottes-Polizisten“ gemacht.

Obwohl wir große Befürworter davon sind, die Bräuche unserer Gastländer zu respektieren, stießen wir hier an eine unerwartete Grenze. Mit einer Bestimmtheit, die fast schon mittelalterlich anmutete, wurde uns das Anheben des Ankers verweigert. Die Begründung war kurz und bündig: Der Sonntag gehöre allein Gott, und jegliche Aktivität – und sei es nur das Setzen der Segel zur Heimreise – sei ein Sakrileg. Dass die Bewohner als neuseeländische Staatsbürger oft weit gereist sind und Jahre in modernen Metropolen wie Auckland oder Sydney verbracht haben, scheint an dieser strikten Auslegung nichts zu ändern. Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass diese strengen Regeln weniger der Spiritualität dienen, sondern vielmehr ein bewährtes Mittel sind, um die traditionellen Machtstrukturen der lokalen Clans zu zementieren.

Doch wie sagt man so schön? Ende gut, alles gut. Wir nahmen die unfreiwillige Wartezeit mit Humor, denn der Herrgott schien unsere Geduld persönlich belohnen zu wollen. Als wir am Montagmorgen endlich die Leinen losmachen durften, entschädigte uns der Himmel mit einem Sonnenaufgang, der so spektakulär war, dass jeglicher Ärger über die „Sonntagsruhe“ sofort verflog. Penrhyn bleibt uns trotz – oder gerade wegen – dieser skurrilen Erlebnisse in bester Erinnerung. Es ist eben ein Ort, der sich seine ganz eigenen Regeln bewahrt hat, und genau das macht das Abenteuer Segeln ja aus.



🌴 Ein Horizont voller Kontraste

Wenn wir die Segelreise der NatHape nach Penrhyn Revue passieren lassen, bleibt ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit und Staunen zurück. Was als notwendige Flucht vor der Importsteuer begann, entwickelte sich zu einer Expedition in eine Welt, die nach ihren ganz eigenen Regeln tickt. Zwischen dem majestätischen Tanz der Haie in der Lagune von Tautua und den strengen, fast vergessenen Traditionen der Inselbewohner haben wir ein Stück Erde erlebt, das sich der modernen Hektik erfolgreich widersetzt.

Wir nehmen nicht nur die Erinnerung an die beeindruckende Legende der Göttin Ina mit nach Hause, sondern auch die Erkenntnis, dass Zeit im Pazifik eine völlig andere Bedeutung hat. Ob wir nun Stunden beim Einklarieren mit den freundlichen Beamten verbrachten oder einen Tag länger als geplant im Hafen blieben, weil der Sonntag heilig war – jeder Moment lehrte uns Gelassenheit. Penrhyn hat uns gezeigt, dass man manchmal gegen den Wind segeln muss, um die schönsten Ankerplätze der Seele zu finden. Mit dem Wind im Rücken und der Silhouette von Bora Bora am Horizont wissen wir: Es sind genau diese Ecken der Welt, die das Logbuch unseres Lebens so wertvoll machen.

Sonnenaufgang in Tautua, Penrhyn
𑐿 Abschied im Farbenrausch

Es gibt Momente auf See, die sich so tief in das Gedächtnis einbrennen, dass man sie fast greifen kann. Als wir das Atoll Penrhyn hinter uns ließen und den Bug der NatHape wieder Richtung Bora Bora drehten, schenkte uns der Pazifik einen Abschied, wie er im Buche steht. Wir segelten mitten hinein in eine absolut paradiesische Morgenröte, die den gesamten Horizont in ein sanftes Glühen tauchte.

In diesem Licht wirkten die vergangenen Tage – mit all ihren kleinen bürokratischen Hürden und den faszinierenden Begegnungen – wie ein wunderschöner Traum. Während das tiefe Blau des Ozeans unter uns langsam die Farben des erwachenden Tages annahm, wurde uns einmal mehr bewusst, warum wir dieses Leben auf dem Wasser so lieben. Die Stille des Morgens, unterbrochen nur vom leisen Rauschen der Wellen, war der perfekte Begleiter für den Kurs zurück nach Osten. Penrhyn verschwand langsam im Kielwasser, während wir mit einem Lächeln und vollen Segeln der nächsten Etappe entgegenblickten.